Futuristische GroBenergiekonzepte

Futuristische Energiekonzepte hat es schon immer gegeben. Besonders gigantisch war das Projekt Atlantropa. Bei seiner Italienreise 1787 beschrieb der spatere President Thomas Jef­ferson der Vereinigten Staaten (1801-1809), fur den Gebirge und Gewasser offensichtlich nur unnutze Reisehindernisse waren, seine Eindrucke mit den Worten

“Wurden die Italiener all das Geld, das sie in den Bau von Kirchen stecken, fur technische Werke ausgeben, dann konnten sie mit dem Appeninengebirge die Adria zuschutten, um das Meer von Livorno bis Konstantinopel in Festland zu verwandeln”

mit denen er letztlich Verursacher fur die 140 Jahre spater auftauchende Technische Utopie Atlantropa wurde. Der deutsche Architekt Herman Sorgel wollte mit einem monumentalen Staudamm-Projekt das Mittelmeer vom Atlantik abtrennen, um mit dem Wasser des Atlantiks Strom fur Europa und Afrika und zusatzlich durch Austrocknung im Mittelmeerbereich Land gewinnen zu konnen (Bild 14.1). Hintergrund des Projekts war auch die schwierige wirt – schaftliche Lage in Europa nach dem 1. Weltkrieg, gepaart mit einer grofien Arbeitslosigkeit. Die Einbindung Afrikas und Schaffung von Siedlungsflachen durch das Absenken des Mit – telmeers sollte die Ansiedlung von Weifien in Afrika ermoglichen und zur Losung der Prob – leme beitragen. Langfristig sollte sich durch die geplante Verdunstung des Mittelmeers Euro­pa und Afrika zu Atlantropa als neuer Kontinent vereinen, der die grofien Probleme wie Hun – gersnot, Energieknappheit und Uberbevolkerung aus der damaligen Sicht losen sollte.

DOI 10.1007/978-3-658-01503-9_14, © Springer Fachmedien Wiesbaden 2013

Подпись: Bild 14.2 Werbeplakat fur Atlantropa

Das Werbeplakat fur das Projekt Atlantropa (Bild 14.2) zeigt anschaulich die Vorstellungen von Herman Sorgel.

Nach seinem Tod 1952 wurde das Projekt Atlantropa nicht weiter verfolgt und aufgrund der potentiellen Gefahren und absehbar negativer okologischer Folgen endgultig ad acta gelegt.

Подпись: Bild 14.3 Qattara-Senke in Agypten

Ein weiteres Mittelmeerobjekt wurde 1964 aus der Taufe gehoben. Das Projekt Qattara-Senke wurde von Prof. Friedrich Bassler von der TH Darmstadt betrieben, der die Qattara-Senke im zweiten Weltkrieg als Offizier unter Rommel in der Nahe von El Alamein in Agypten ken – nengelernt hatte, die etwa 130 Meter unter dem Wasserspiegel des Mittelmeers liegt (Bild 14.3).

Das Mittelmeerwasser wollte Prof. Bassler durch einen kunstlich zu schaffenden Kanal in die naturlich vorhandene Qattara-Senke abfliefien und nach einer sich stationar einstellenden Auffullphase in der Wuste verdunsten lassen. Das so hydrosolar gewonnene Gefalle sollte zur Stromerzeugung mit Wasserturbinen genutzt werden. Es bestand der Anspruch, mehr Strom als mit dem Assuan Staudamm zu erzeugen, der den Nil aufstaut und 1971 fertiggestellt wur – de. Da der Aufwand fur den Kanal okonomisch nicht gerechtfertigt werden konnte, hatte Bassler sogar die Sprengung des Kanals mit nuklearem Sprengstoff ins Auge gefasst. Da fur diese Sprengungen jedoch insgesamt die Sprengkraft von etwa funfzig Hiroshima- Atombomben erforderlich gewesen ware, wurde das Projekt mit der Atombombenidee aus tektonischen und strahlungsokologischen Grunden nicht weiter verfolgt und endgultig been – det.

Diesen beiden wasserbautechnischen Utopien Atlantropa und Qattara-Senke in der Mittel – meerregion folgten visionare Solartechniken. Bereits Anfang der 80er Jahre wurde von der DLR (Deutsches Zentrum fur Luft – und Raumfahrt) das erste Solar-Wasserstoff-Projekt als Zukunftsvision verkundet. In der Sahara sollte mit Photovoltaikanlagen elektrolytisch Was – serstoff erzeugt werden. Diese Utopie vom Wasserstoff aus der Wuste und viele weitere Visi – onen sind an der Realitat zerbrochen. Eine Wiederauferstehung dieser Ideen wird heute von der Desertec Foundation betrieben, eine weltweit agierende gemeinnutzige Stiftung, die aus der Trans-Mediterranean Renewable Energy Cooperation (TREC) hervorgegangen ist. Letzt – endlich soll mit dem Desertec-Projekt nur die Solartechnik vermarktet werden, die seit 1980 auf der "Plataforma Solar" in der Nahe von Almeria in Spanien getestet und weiter verbessert wurde.

Die Machbarkeitsstudien fur das Desertec-Projekt hat die DLR erstellt, die in der Vergangen – heit die in Almeria ausgetestete Solartechnik nicht wirtschaftlich vermarkten konnte. Im Ge – gensatz zur gescheiterten Utopie des photovoltaisch in der Wuste erzeugten Wasserstoffs, werden heute solarthermische Systeme zur Stromerzeugung praferiert. Desertec soll weltweit private Anleger zum Aufbau einer regenerativen Stromwirtschaft auch zum Wohle der nord – afrikanischen Staaten bewegen.

Ob das von der Desertec Foundation medial angepriesene Grofiprojekt zur Stromversorgung Europas und Afrikas unter Beachtung der notwendigen Infrastrukturen und Erfullung der Energieautarkie (Abschn. 10.3) bei realen Lebenszyklen der Systeme tatsachlich machbar sein oder sich wie die anderen zuvor genannten futuristischen Mittelmeer-Projekte als Utopie erweisen sollte, wird die Zukunft zeigen.

Gleichwohl bestehen heute gute Aussichten zumindest lokal im Mittelmeerraum die Solar- technik im an diese Lander angepassten Rahmen sinnvoll nutzen zu konnen. Die franzosische Idee einer solartechnisch gepragten Mittelmeer-Allianz sollte verfolgt werden. Insbesondere die Sicherung der zukunftigen Trinkwasserversorgung und auch die Bewasserung von Wus – tengebieten kann auch in kleineren Projekten realisiert werden und sind vorrangig regional zu losende Probleme und keine vornehmlich europaische Aufgabe.

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Die hochste Sonnenenergieausbeute wird heute mit Solarturmkraftwerken (Bild 14.4) erreicht. Mit der in einem Receiver im Solarturm von der Sonne erhitzten Luft von bis zu 1000 0C wird ein Gasturbinen-Dampfkraftwerk (GuD) zur Stromerzeugung betrieben (Bild 14.5).

Der gewaltige lokale Infrastrukturaufwand fur ein Solarkraftwerk wird insbesondere bei einem Parabolrinnenkraftwerk allein durch die Inaugenscheinnahme deutlich. Nur bei einem riesigen Flachenverbrauch und Materialaufwand fur die Parabolrinnen (Bild 14.6) zum Auf – heizen des Warmetragers und zum Betreiben eines klassischen Warmekraftwerks mit Turbine und Generator zur Stromerzeugung kann ein solches Solarkraftwerk realisiert werden, das aufgrund des zudem erreichbaren niedrigem Temperaturniveaus die Solarenergie nicht effi – zient nutzen kann.

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Bild 14.6 Parabolrinnen zum Aufheizen des Warmetragers zur solaren Brennstoffversorgung eines

klassischen Warmekraftwerks

Der auberdem zusatzlich notwendige Aufwand fur Speichereinrichtungen und die weitraumi- ge Verteilung des in der Wuste erzeugten Stroms fur den europaischen Raum erhoht den Infrastrukturaufwand fur das Gesamtsystem signifikant und ist die Achillesferse aller Uberle – gungen. Daruber hinaus sollte eine Vergemeinschaftung der Wustenlander des Nahen Ostens und Nord Afrikas (MENA) zur Nutzung deren Wustenstandorte fur den Bau solarthermischer Kraftwerke vermieden werden. Analog zu ATLANTROPA durfen derartige Projekte im Rahmen von EUMENA (EUROPA und MENA) nicht von den ungelosten regional bestehen – den okonomischen und okologischen Problemen ablenken und die Entwicklungen anderer Zukunftstechnologien behindern oder gar verhindern.

Es muss deshalb darauf geachtet werden, dass Energie-Grobprojekte, allein gepragt vom gegenwartig in Deutschland herrschenden regenerativen Zeitgeist, nicht missbraucht werden, um ausschlieblich Forschungsmittel und Subventionen abschopfen zu konnen. Vielmehr
sollten bereits in Deutschland vorhandene Erfahrungswerte so transferiert werden, dass For – schungsmittel sinnvoll verwertet werden und eine maximale Wertschopfung in den jeweiligen MENA-Staaten erfolgen kann. Das Aufwindkraftwerksprojekt in Manzanares (Spanien) war in diesem Zusammenhang sicher ein Negativbeispiel.

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Die solarthermische Stromerzeugung in der Wuste fur Europa ist ebenso wie die Offshore Windenergie in Deutschland mit einer gigantischen Infrastruktur fur die Stromverteilung belastet. Eine drahtlose Ubertragung des erzeugten Stroms ware hier ein gigantischer Fort – schritt. Prinzipiell kann einerseits elektromagnetische Strahlungsenergie empfangen und in Strom umgewandelt (Bild 14.7), andererseits aber auch Strom in elektromagnetische Strah­lungsenergie umgewandelt und zum Transport abgestrahlt (Bild 14.8) werden.

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Bild 14.7 Abschopfung von elektromagnetischer Strahlungsenergie und Umwandlung in Strom

Bild 14.8 Umwandlung von Strom in elektromagnetische Strahlungsenergie

Fur die Erneuerbaren Energien im industriellen Mabstab ware kunftig eine drahtlose Strom- ubertragung von unschatzbarem Vorteil. Bereits Anfang des 20. Jahrhunderts hatte sich Niko­la Tesla mit dieser Moglichkeit beschaftigt. Eine solche Form der Stromubertragung wird bei einer dezentralen Energietechnik aber gar nicht benotigt, da es ja moglich ist, elektromagneti – sche Energie aus unserer Umgebung an beliebigen Orten direkt in Strom zu verwandeln.

Ziel einer wirklich zukunftsweisenden regenerativen Energietechnik muss zweifelsfrei eine Stromerzeugung sein, die direkt und ohne Umwege aus dem Angebot der Natur gewonnen werden kann. Das prahistorische Feuer zur Erzeugung von Dampf fur eine Turbine, die einen Generator zur Stromerzeugung antreibt, ist somit nicht erforderlich und sollte aus den Ge – danken der Menschen verdrangt werden. Die Nutzung der Sonne allein als Ersatz von Holz, Kohle, Ol, Gas und Kernkraft ist kein zukunftsweisender technischer Fortschritt und zu kurz gegriffen. Die direkte dezentrale Nutzung der elektromagnetischen Strahlungsenergie der Sonne lasst klassische Warmekraftwerke ebenso wie den gewaltigen Infrastrukturaufwand fur die Stromverteilung entfallen.

Inwieweit auch die kosmische Strahlung oder sonstige atmospharische Energien zur Strom- erzeugung genutzt werden konnen, wird die Zukunft zeigen. Diese einst esoterisch anmuten – den Vorstellungen von Nikola Tesla konnten heute zur physikalischen Realitat werden.

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